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GESCHICHTSERFAHRUNGSWEG LIDICE Sa, 9.06. – Son, 10.06.2012

Am 09./10. Juni 1942 wurde das Dorf Lidice (Liditz) im Zuge der national-sozialistischen Vergeltungsaktion ausgelöscht. Wo sich früher das Dorf befand, erinnern heute ein Museum, eine Galerie und ein Park an die Verbrecher, das Verbrechen und die Opfer (siehe http://www.lidice-memorial.cz/default_de.aspx und http://www.lidice-memorial.cz/galleryMdvv_de.aspx).

Zum 70. Jahrestag haben wir uns auf einen „Geschichtserfahrungsweg“ gemacht, der im nachfolgenden Artikel von Eddi Kucharzewski eindrücklich geschildert ist. Der Ortsverband der Falken und Gewerkschaftsmitglieder aus GEW und ver.di haben sich mit der Geschichte auseinandergesetzt, um eine zukunftsorientierte Erinnerungskultur zu finden.

Mitgenommen haben wir – neben den im Artikel geschilderten Eindrücken – den konkreten Auftrag, die in der Galerie des Museums gepflegte Zukunftsarbeit in Form der jährlichen Ausschreibung hier in Nürnberg zu verbreiten und zu fördern. Informationen findet ihr unter der Rubrik „Die Internationale bildnerische Kinderausstellung Lidice (IBKA Lidice)“

 

 


 

Geschichtserfahrungswege

Erschienen in BDK Info 19 – Zeitschrift des Fachverbandes für Kunstpädagogik in Bayern

 

Zum 70. Jahrestag der Zerstörung des tschechischen Lidice und der Ermordung der männlichen Bevölkerung durch die deutsche Besatzungsmacht wollten wir uns im Juni 2012 vor Ort der Geschichte selbst aussetzen. Die Frauen wurden 1942 nach Ravensbrück verschleppt, die Kindere zwangsgermanisiert oder ebenfalls ermordet.

Wir, das sind Kollegen und Kolleginnen der GEW Nürnberg, Ver.di und der Falken. Eine gute Mischung war das und sorgte für lebendigen Austausch. Natürlich hatten wir Henryk M. Broders »Vergesst Auschwitz« im Hinterkopf oder die vielen touristischen Gedenkspezialisten, welche die Republik mit ihren historischen oder »künstlerischen« Zeigefingeraktionen bereisen. Geschichtserfahrungswege, so wie wir sie verstehen, setzen aber auf historische Genauigkeit, die intellektuelle Vorbereitung und Auseinandersetzung, aber auch auf die emotionale Neugierde mit einem schwierigen Thema, dem man sich direkt, nicht distanziert, aussetzen sollte.

Viele Gedenkorte sind Orte der Kraft – ein Widerspruch in sich selbst?

Wenn Gedenkorte dem »Vergessen« zuwiderlaufen, die aktive wie aktuelle Erinnerung beleben und eine Zukunftsbotschaft vermitteln, dann sind sie »Spuren des Humanen«, die man selbst an diesen Orten finden  kann. »Sein Name sei für immer vergessen«, heißt es alttestamentarisch und spiegelt eine Drohung wie auch eine Angst wider. Auf jüdischen Friedhöfen legen die Besucher ein Steinchen auf die Grabsteine, als Zeichen der Erinnerung. Die Nazis hatten immer das Bestreben, die »verbrannten Dichter«, die Juden, die intellektuellen Eliten im Osten, die meist kommunistischen Widerständler, und Andere ins Vergessen zu drängen. »Die Unfähigkeit zu trauern« (A. Mitscherlich) hat diese Denkweise nach dem Kriege lange gestützt und mit der Ideologie des Antikommunismus verknüpft. Die Adenauerregierung hat sich stets dieser »Staatsreligion« verschrieben.

Wo sind sie also die »Spuren des Humanen«?

Buchenwald hat sich selbst befreit, in Auschwitz hat der Widerstand im Lager Menschen auch geschützt, Meldungen an die Außenwelt ermöglicht u.v.m. Trotz dieser unmenschlichen Umgebung haben sich viele Namen erhalten und ist das Konzept der Nazis, die »Welt« mit ihrer unmenschlichen Ideologie zu überziehen, gescheitert. Nicht nur die endgültige Niederlage ist ein Beleg dafür, die vielen zutiefst humanen Aktivitäten in den Lagern, haben das System von innen her mit »aufgelöst«. Die Überlebenden haben nach dem Krieg viel in das demokratische, humane Erbe der Bundesrepublik investiert, bevor sie aktiv verdrängt wurden und die »alte« Elite auch wieder die »neue« – spätestens seit 1952 – sein durfte.

Der Ort Lidice

Der Ort Lidice wird großräumig angezeigt. Man kann sich entscheiden, den Weg ins Museum oder in die Galerie zu nehmen. Dann aber findet sich ein Parkplatz, der verrät, dass es sich hier um einen Ort mit nationaler, internationaler Bedeutung handeln müsste. Während wir am ersten Tag noch bis vors Museum fahren können, stehen zum 70. Jahrestag der Auslöschung Lidices weit über 100 Busse herum, unzählige Autos verstopfen fast die Zugänge, Zehntausende Besucher geben ein lebendiges Zeichen – auch wenn das in Deutschland kaum beachtet werden  sollte.

Das Museum

2004 erst fertig gestellt, gibt dem zentralistisch ausgerichteten Areal seine neue akzentuierte Bedeutung mit. Vormals erinnerte das Gelände mit seiner riesigen Grableuchte, dem tempelartigen, klassizistisch anmutenden Säulen im Halb-rund, dem riesigen Vorplatz mit Abschlussgeländer, Baluster und halbrunden Treppengang zur riesigen Fläche des Ortes wohl eher an barocke Anlagen und an militärisch organisierte Gedenkaufmärsche. Wir werden das am Sonntag aber in einer ganz eigenen Art erleben … Innen erwartet uns ein Triptychon mit Bildern über die Historie eines bis dahin lebendigen Ortes, als die Nazis kamen, um ihn eiskalt zu eliminieren. Danach im Labyrinth der betonverschalten Wände Details, Filme, Dokumente, Zeugenaussagen der »Überlebenden« … und die Namen aller Ermordeten in einer erdrückenden Deutlichkeit. Doch die Gesichter fast aller, ihre Daten und Namen sind präsent. Sie können nicht vergessen werden und die Erinnerung an sie wird so zur Gegenwart – Aufgabe für jeden Besucher. Das haben die Nazis offensichtlich nicht erreicht: das Vergessen der Betroffenen, der »Ausgelöschten« von Lidice.

Die Gedenkstätte: Lidice lebt

Wieder »draußen« ist man erst einmal geplättet. Jetzt kommt aber etwas dazu, was wir aus unserer bundesdeutschen »Sozialisation« kaum erwartet hätten: »Daheim« hätte man uns weiterhin in dieser düsteren, ausweglosen Situation belassen. Die Tschechen haben offensichtlich ein anderes Verständnis von (inter-)nationalen Gedenkstätten. Die Atmosphäre des Geländes empfängt uns relativ unbeschwert. Familien mit ihren Kindern haben das großräumige Areal für sich in Anspruch genommen, die Lieblingstiere der jungen Besucher sind am Kinderdenkmal niedergelegt. Die »halbe Welt« ist am Gedenktag präsent, unzählige Botschaften haben Vertreter und Kränze entsandt. Sie sind auf einem riesigen Rundweg aufgestellt und werden dann zu einem bunten Blumenmeer ausgebreitet. Überall verteilen sich die Menschenmassen, die »wichtigen« Vertreter aus Parlament und Gesellschaft sammeln sich ohne Wichtigtuerei und »Sicherheits«-Personal. Weil es etwas nieselt, befindet man sich plötzlich unter den Bäumen nebeneinander wieder und keiner schert sich darum, macht schon mal Platz.

Wir besuchen den Rosengarten, der 2000 durch ein Bremer Azubi-Projekt wieder hergestellt wurde und jetzt das Gelände überstrahlt, und werden in eine großräumige Szenerie entlassen, die offensichtlich Mut machen soll und Zukunft zulässt. Wir stellen das erst noch mit einem gewissen Unverständnis fest. Die unzählbaren Besucher – viele aus dem Ausland – lassen das Gelände »lebendig« werden. Die Bewegungsströme auf den Wegen lassen uns die (früheren) Kommunikationswege der dem Erdboden »gleich« gemachten Ortschaft erahnen. An Kulminationspunkten sammeln sich Unmengen von Besuchern: am Massengrab, an der Kinderplastik …

Die wenigen überlebenden »Zeugen« sitzen dann vor dem Blumenmeer auf ihren Ehrenplatz und werden von offizieller Seite persönlich begrüßt, aber auch von vielen Privatpersonen. Es herrscht eine ungezwungene Atmosphäre.

Vor dem Museum können wir Kinderchören aus der gesamten Republik zuhören, während in der Galerie eine Kunstausstellung, aber auch eine internationale Kinderkunstausstellung zu besichtigen ist. Sie wird jedes Jahr neu ausgeschrieben und ist ein überzeugendes Zeichen, wie man das Gedenken lebendig erhalten kann.

Die Zukunftsoption

Dennoch muss eine abschließende Anmerkung erlaubt sein: Wie kann diese ernsthafte »Unbeschwertheit« überhaupt zum Konzept einer nationalen Identität gelangen? Aus der Erfahrung vieler binationaler Geschichtserfahrungswege weiß ich um die Besonderheit und Erschwernis, Geschichte allein aus der »Opferperspektive« heraus betrachten zu wollen. Die fast weltweite Anteilnahme am nationalen Gedenkfeiertag in Lidice und dessen Verankerung unter der breiten Bevölkerung zeigt offensichtlich, dass Geschichte positiv überwunden wer-den kann, wenn der Erinnerung eine Perspektive beigegeben wird. Die positive Botschaft, die sich uns eröffnete, war die einer ungehinderten, wenn auch schmerzhaften Überwindung all dessen, was sich die bildungsferne »funktionelle Elite« der Nazis ausgedacht hat. Sie, die Nazis, haben ihr Ziel verfehlt. Das allein ist schon einen Festakt wert. Sie haben die nationalen Identitäten nicht zerstören können – wie wir erfrischend erleben konnten – doch sie haben uns mit einem Erbe belastet, dem wir uns stellen sollten und müssen. Lidice, Oradour und wie die Orte alle heißen mögen, können Kulminationspunkte sein, grundlegende Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Aus den Prinzipien des disziplinierten, internationalen Widerstandes konnten wir mehr Zukunftsbotschaften entziffern, als dies die verordnete Junkerphilosophie des 20. Juli vermochte.

Die Botschaft von Lidice ist: Zukunft denken ohne Vergangenheit zu vertuschen, und reaktionären Modellen – mit dieser ungeheuren geschichtlichen Erfahrung – aktiv zu wider-stehen. Eine Nation, die sich eine Terroreinheit NSU leisten kann, gestützt durch einen demokratisch nicht legitimierten und kontrollierten Verfassungsschutz, gefördert durch Steuer-millionen und sozialpädagogisch geführten Jugendzentren  (in denen die NSU zu ihrer »Identität« fand), ist m. E. kritikwürdig geworden.

Die kunstpädagogische Praxis

P- oder W-Seminare des G8 können sich den Begegnungsprojekten der »Hauptschüler« und AZUBIS anschließen, und sich an diesem beschwerlichen Weg geschichtlicher Aufarbeitung beteiligen. Die »Leichtigkeit« benachbarter Nationen müssen wir uns erst noch erarbeiten. Dass dies möglich ist, haben wir erspürt und erfahren.

Eine Möglichkeit könnte sein, sich an folgendem kreativen Wettbewerb zu beteiligen: »Invitation for Children to participate« in the 41st International Children’s Exhibition of Fine Art Lidice 2013.

Das Jahr 2013 markiert den 10. Jahrestag der weltweiten Konvention zum Schutze der Volkskunst, des Handwerks, der gelebten Traditionen und des historischen Vermächtnisses – »the Convention for the Safeguarding of Intangible Cultural Heritage«. Die UNESCO stellt zudem diese 41. Ausstellung unter das Thema: »TRADITIONS AND HERITAGE OF MY COUNTRY’S PEOPLE« und richtet diese für Kinder und Schüler im Alter von 4–16 Jahren aus. Der Termin für den Abgabeschluss ist der 15.3.2013. Informationen sind erhältlich unter: www.mdvv.lidice.cz. Die Beteiligung ist weltweit, die Arbeiten drücken ein hohes Niveau aus, besonders für die angegebenen Altersgruppen und lassen Fragen aufkommen, wie die Kunsterziehung vor Ort, trotz ihrer relativen Isolierung, zu solchen Ergebnissen kommen kann. Insgesamt stehen die Werke einem Vergleich durch den internationalen Kunst-erzieherverband INSEA um nichts nach. Eine Beteiligung, wie auch ein Besuch sind also sehr zu empfehlen! Die Kunst aber auch andere Fächer sind eingeladen Kunstgeschichte nicht nur kognitiv, Faktenorientiert, sondern auch praktisch und emotional vertiefend für die eigene biografische  Bedeutsamkeit ihrer Schüler nutzbar zu machen. Die nur sechs (!) deutschen Teilnehmer im aktuellen Wettbewerb 2012 sind ein markantes Zeichen einer modernen, neuen Vergessenskultur, wie sie Hendryk M. Broder uns so gerne einreden möchte.

Edgar Kucharzewski ist Kunstpädagoge und Vorstand von KunstRaum Weißenohe und Kulturtransporter. Zudem ist er Organisator der Werkstatt für Kultur und  Geschichte in Nürnberg.

 


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Die Internationale bildnerische Kinderausstellung Lidice (IBKA Lidice)

wurde im Jahre 1967 zur Ehrung des Gedenkens an die Kinderopfer aus der tschechischen Gemeinde Lidice, die von den deutschen Nazis ermordet wurden, sowie an alle weiteren Kinder, die in den Kriegskonflikten ums Leben kamen, gegründet.

Diese ursprünglich nationale Ausstellung wurde 1973 zu einer internationalen und während ihrer Geschichte wurde sie nicht nur unter den Kindern und Lehrern bei uns gut bekannt, sondern wörtlich in der ganzen Welt. In den letzten Jahren der Ausstellung werden der Ausstellung regelmäßig etwa 25 000 sehr qualitätsvolle bildnerische Werke von den Kindern nicht nur aus der Tschechischen und Slowakischen Republik zugesandt, sondern auch aus weiteren 60-70 Staaten, einschließlich exotischer Länder wie China, Japan, Philippinen, Indien, Kenia, Malaysia, Srí Lanka oder Simbabwe sind.
Download der näheren Details zur Ausstellung siehe http://www.lidice-memorial.cz/galleryMdvv_de.aspx
Detaillierte Ausschreibungsinformationen sind zu finden unter http://www.mdvv-lidice.cz/de/aufforderung/

Einladung zur Teilnahme an der 41. Internationalen Kunstausstellung Lidice 2013 für Kinder IBKA Lidice (pdf)

Den Artikel Geschichtserfahrungswege sowie die ganze Ausgabe des BDK Info 19 gibt es auch in unserem Downloadbereich.

 


 

Konkrete Infos zu Fahrtplanung, Museumsbesuch und Kosten für Busreise

Buskosten ab Nürnberg für 50 Personenbus:  ca. 1.200,00 Euro (z.B. Schielein-Reisen, Donaustr. 88,  http://www.schielein-reisen.de)

Infos Tschechien allgemein: http://www.czechtourism.com

Auskunft HotelunterkünfteTschechien über die e-mail-Adresse: frankfurt(@)czechtourism.com

Unsere Hotelunterkunft in der Nähe des Museums:

HOTEL STARÝ PIVOVAR
Plzen(ská 229/9, Prague, 15000
Czech Republic
Reservation +420 7777 88 222
Reception +420 257 312 277
Manager +420 602 717 179
Fax +420 228 882 975
Skype: infopivovar
www.hotelstarypivovar.cz

bot uns vom Einzelzimmer bis 5-Bett-Raum für damals 29,00 bzw. 13,00 Euro Übernachtung und Frühstück pro Person

Für Essen und Getränke waren 10,00 Euro im Hotel ausreichend

Pluspunkt des Hotels: in unmittelbarer Nähe ist eine Straßenbahnhaltestelle, mit der ein nächtlicher Besuch von Prag leicht zu verwirklichen ist

Museumseintritt ab 80 Kronen pro Person (siehe entsprechende Internetseite der Museumshomepage oben im Text)

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